Zwangs-Computer-Virentests?
9. Dez.
Das Problem ist seit langem bekannt, es wird täglich grösser, und bisher gibt es noch kein brauchbares Mittel dagegen: Computerviren, die sich unbemerkt vom Anwender in dessen PC einnisten, erlauben Fremden die Kontrolle zu übernehmen, den gekaperten Rechner als "Zombie" in einem "Botnetz" zu verwenden. Der Benutzer merkt in aller Regel nicht, dass sein Rechner im Hintergrund für die Kriminellen arbeitet, z.B. Webseiten attackiert oder Spam versendet. Ein regelmässiger Virentest könnte helfen, aber wer macht dies schon, solang der Rechner "normal wirkt"?
Gestern stellte der Verband der deutschen Internet-Wirtschaft eco beim aktuell stattfindenen IT-Gipfel in Stuttgart ein Konzept vor: Die übertragenen Daten sollen auf "verdächtige" Inhalte permanent überwacht werden, und falls ein Schädling auf dem Rechner des Kunden erkannt wird, sollte der Kunde zu einer Seite umgeleitet werden, bei der es Abhilfe gibt. Und falls er nicht gewillt ist, die Viren seines Rechners zu beseitigen, sollte ihm der Internet-Zugang abgedreht werden. Soweit der Plan.
Ich bin kein Verschwörungstheoretiker, ich weiss, dass die Zahlen (1/4 der Rechner soll schon verseucht sein) plausibel erscheinen, und die Analyse des Netzwerk-Verkehrs durch den Provider ist nicht zu vergleichen mit einem Überwachen durch den Staat. Dennoch schrillen hier die Alarmglocken: Dauerhafte Überwachung des Internet-Zugangs? Genaue Analyse, welcher Rechner gerade online ist und was er gerade macht? Zwangsumleitung beim VERDACHT auf Unregelmässigkeiten, gar eine Zwangstrennung? Und dazu das Wort "Deutschlandzentrale" und die Vermischung von staatlichen Stellen mit den privaten Zugangsanbietern - alles in allem bietet der Vorschlag genügend Sprengstoff.
Als kleiner Denkanstoss: An meinem Internet-Anschluss hängen derzeit 4 Rechner: unsere beiden Notebooks, das neue iPhone sowie mein alter Palm - der Gedanke, dass der Provider für alle Geräte eine detaillierte "was passiert wann"-Analyse betreibt, gefällt mir gar nicht. Noch dazu geht es den Provider nichts an, über welchen Dienst ich meine Emails prüfe, welche Blogs ich auf welchem Gerät lese, welche Werbung ich blocke und welche "Erwachsenen-Seiten" ich anschau. Dies alles wird im Rahmen der Vorratsdatenspeicherung zwar demnächst für mindestens 6 Monate protokolliert, eine Realtime-Datenanalyse ist aber noch ein Schritt weiter.
Und die Umleitung: Wann werden die Kriminellen aufspringen und sich mit "Wir helfen Ihnen mit Ihrem PC, geben Sie uns bitte Ihr Passwort" andienen? Wenn sich erst einmal herumgesprochen hat, dass man bei Virenbefall automatisch gesperrt wird, könnten auch sonst eher skeptische Menschen auf eine "Zu Ihrem Schutz haben wir Sie umgeleitet"-Webseite hereinfallen. Eine solche Zwangsumleitung sorgte schon im #Zensursula-Projekt des Stopp-Schildes für reichlich Unmut.
Wieviel Substanz an diesem Vorschlag letztlich wirklich dran ist, wird sich zeigen. Die Pressemitteilung von eco selbst liest sich reichlich harmlos und erwähnt weder Überwachung, Zwangsumleitung oder Internet-Sperrung. Anderseits springen Politiker gern auf alles an, was Möglichkeiten bietet, den heutzutage unter Generalverdacht stehenden Bürger überwachen und gegebenfalls zu etwas zwingen zu können.
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