Was bleibt

15. Dez.

Geschrieben am 15.12.2009 von Blogwichtel, abgelegt unter Blog-Welt

Dieser mir zugewichtelte Blog ist ja, trotz gelegentlichem Katzencontent, eher nüchtern gehalten und der Gegenwart verhaftet. Im Tonfall, wenn auch nicht im Thema, sind die Texte hier meinen doch recht ähnlich, und sogar elektronenmikroskopische Aufnahmen von kleinen sympathischen Parasiten kann man hier finden. Damit also überhaupt auffällt, dass das hier ein Gastbeitrag ist, muss ich schon tief in meiner metaphysischen Rumpelkammer graben. Glücklicherweise haben wir ja eine Jahreszeit, die traditionell ein wenig metaphysisch angehaucht und – womit wir beim Thema wären – zeitlos ist.

Damit meine ich nicht die Zeit, die man vor lauter Geschenke kaufen, Plätzchen backen und Sippschaft verfluchen momentan nicht hat, sondern dieses Gefühl, das sich einstellt, wenn am Abend des 24. Dezember alle Geschenke vor Ort und das Essen vorbereitet ist. Wenn die Tradition übernimmt. Bei uns in der Familie befolgen wir seit fast drei Jahrzehnten ein festes Weihnachtsritual. Es gibt keinen Stress und keine offenen Fragen. Jeder kennt seine Rolle.

Und dann passiert etwas Seltsames. Der Weihnachtsabend fällt quasi aus der Gegenwart heraus und wird transzendent. Eine Kette von Weihnachtsabenden verschmilzt zu dem Weihnachten, das nicht nur jetzt ist, sondern auch vor 25 Jahren schon war. Aber das ist erst der Anfang. In der Zimmerecke steht dieses Jahr wie jedes Jahr ein echter Tannenbaum mit echten Kerzen. Und damit wischen wir endgültig die Spinnweben christlichen und kommerziellen Weihnachts-Missbrauchs beiseite und blicken den Jahrhunderten und Jahrtausenden ins Gesicht.

Es ist eine der längsten Nächte des Jahres, die wir nahezu instinktiv immer wieder mit Licht, Leben und Nähe füllen. Ein uraltes Ritual, das von den frühesten Bewohnern unserer Breiten bis zu uns weitergereicht wurde, weil es einfach richtig ist, ein Feuer anzuzünden, wenn die Nacht am dunkelsten ist, und das Leben zu feiern, wenn die Welt kalt und tot erscheint.

Wir leben zu einem privilegierten Zeitpunkt in der Menschheitsgeschichte, an dem Winter und Frühling nur noch kalendarische und meteorologische Fakten sind – die bedrückende und erhebende Magie des Zyklus von Tod und Wiedergeburt der Natur ist für uns verloren, zum Glück. In ein paar Monaten schon kehrt die Sonne zurück und mit ihr die Wärme und das Leben. Aber für uns ist das nicht mehr wichtig. Wir haben Zentralheizungen

Das kerzengeschmückte Weihnachtsfest ist nur ein Relikt einer anderen Zeit, ein Kulminationspunkt der jahreszeitlichen Düsternis, die längst dem Kunstlicht zum Opfer gefallen ist. Aber gerade deshalb löschen wir an Weihnachten das Licht und zünden eine Kerze an. Dann blicken wir in die furchterregende Finsternis da draußen. Und für einen kurzen Moment ist auch für uns die Flamme in der Dunkelheit das, was unzählige Generationen vor uns dort gesehen haben: Im Herzen der Kälte ein Keim der Hoffnung auf das Licht, die Wärme und das Glück.

Das ist Weihnachten.

(Dieser Beitrag wurde im Rahmen der Aktion Blogwichteln 2009 von einem der 35 Teilnehmer geschrieben. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die Autorin/den Autor dieses Textes, und danke an Bhuti für ihre Organisation! TrueTigger)

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Kommentare:

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Wulff (15.12.2009, 10:38)

Wow...

Kesro (15.12.2009, 13:39)

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Passt!

creezy (15.12.2009, 17:18)

An den unbekannten Blogwichtel:
Dieser Text gefällt nicht nur mir, sondern auch meinen Lesern - soviel positive Kommentare und die Bewertung 5x100% habe ich mit meinen eigenen Texten noch nie gehabt :)
Danke für Deine Mühe!

tigger (16.12.2009, 09:50)

Ein wirklich wunderschöner Text.

*.*

Ute (16.12.2009, 10:57)

Hui

das ist aber ein sehr schöner Text, ich hab mich richtig begeistert festgelesen!

Jekylla (16.12.2009, 19:11)

die Faszination des Augenblicks, treffender habe ich es noch nie irgendwo gelesen! Danke für die Minuten des Innehaltens, die das Lesen dieses Beitrags bedeuteten.

struwwelchen (17.12.2009, 09:55)