Werte im Internet

16. Dez.

Geschrieben am 16.12.2009 von Tigger, abgelegt unter Philosophisches

Die Reaktionen waren ebenso prompt wie vorhersehbar: Als ausgerechnet der Axel-Springer-Verlag, welcher mit der BILD-Zeitung in Deutschland nicht unbedingt als Inbegriff des Qualitätsjournalismus steht, vor wenigen Tagen die Internet-Ausgabe des Hamburger Abendblattes auf ein Bezahl-Modell umstellte, hagelte es Kritik von allen Seiten. Stefan Niggemeier kritisierte den unverschämten Tonfall der Ankündigung, Basic Thinking schaut leicht überheblich auf das Niveau dieser Zeitung herab, und bei Heise machen sich die Kommentatoren heute über die angebliche Idiotie des Springer-Verlages lustig.

Abgesehen von dem Ereignis selbst - auch ich sehe die Chancen, mit 8 Euro pro Monat viele Interessenten zu gewinnen, eher skeptisch - rückt Matthias Iken mit seiner Frage "Ist es zu viel verlangt, in Zeiten, wo aufgeschäumter Kaffee im Pappbecher drei Euro kostet oder das Telefonvoting für sinnbefreite Casting-Shows mindestens 50 Cent, für das Produkt Qualitätsjournalismus knapp 30 Cent am Tag zu bezahlen?" ein interessantes Thema ins Licht: Wieviel sind uns Inhalte im Internet wert?

Eine CD ist für 12 Euro zu haben - da wirkt ein einzelner Song für 1 Euro nicht gerade verlockend. Noch dazu hat man mit der CD neben dem Booklet auch einen Datenträger in der Hand: man kann die Musik im Auto ebenso wie daheim hören, einem Freund ausborgen, MP3-kodiert auf dem Lieblingshandy beim Joggen geniessen... Das gleiche Bild bietet sich bei eBooks: ein Taschenbuch für knapp 10 Euro ist ein Angebot, bei dem man nicht lange überlegt - ein eBook für 7,99 wirft Fragen auf, ob man das Buch wirklich komplett auf dem iPhone lesen möchte, ob man ein 100seitiges PDF am Monitor lesen mag und wie lange ein elektronisches Format wohl haltbar ist - man kann es ja nicht wie die liebsten Kinderbücher jahrelang im Bücherregal aufbewahren.

Auch andere Branchen leiden unter den Möglichkeiten des Internet: TV-Stationen leben von Werbeblöcken - je mehr sich die Mediengewohnheiten weg von festen Sendezeiten hin zum Internet verschieben, umso düsterer wirkt die Zukunft. Die Filmindustrie hat neben Kino und Pay-TV auch noch DVD-/Bluray als Zweitverwertung, aber auch sie verdient momentan gut an Senderechten für Free-TV. Und im Porn-Business gilt das Internet langsam als existentielle Bedrohung mit all den Millionen frei zugänglichen Bildern, Videoschnipseln und Leitungen, die selbst Raubkopien in DVD-Länge schnell transportieren.

Egal ob Lokalreporter oder Investigativ-Journalist, egal ob Politikexperte oder Serienproduzent, egal ob Porn-Actrice oder Makeup-Visagist - viele Menschen sind an der Produktion von Medieninhalten beteiligt. Sie wurden schon in der Vergangenheit nicht immer fair bezahlt, und sie werden es auch heute nicht. Aber bei all der Diskussion um falsche Preispolitik, um freie Inhalte, um Gemeinschaftsgüter wie öffentlich-rechtliches Fernsehen und um die Bedeutung einer unabhängigen Presse als vierte Säule der Demokratie sollten wir Internet-Bürger nicht all diese Menschen dahinter vergessen. Viel zu oft wird bei der Beschimpfung der Content-Mafia übersehen, wieviele Menschen aktuell in dieser Branche arbeiten - und dass bei aller Sympathie für freiwilliges Engagement jeder von ihnen von irgendetwas leben muss. Denn die Content-Industrie besteht nicht nur aus den raffgierigen Profitgeiern, die an der Spitze der Konzerne fette Gewinne einfahren (oder grosse Verluste den Aktionären aufhalsen), sie besteht auch aus kreativen Drehbuch-Autoren, mehr oder weniger begabten Schauspielern, aus Reportern, aus Bürokräften, aus Korrekturlesern und Webdesignern.

Alles für lau funktioniert einfach auf Dauer nicht. An dieser Stelle muss ich Springer sogar einmal zustimmen.

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Kommentare:

CDs für 12 Euronen? Leg' mal locker 5-7 drauf... *tiefer Seufzer eines Sammlers*
Ok, nun zum eigentlichem Thema:
Bezahlen für inhaltsvollen Content? Ja.
Bezahlen für manipulativen Boulevard-Journalismus auf niedrigstem Niveau inkl. mit Werbung zugekleisteter Webseiten? No Way!
Da nehme ich gerne die privaten TV-Sender als Bsp.:
Mit lauter und nervender Werbung überfrachtet und zu 95% sinnfreies Programm. Dazu noch einseitige und manipulierende "Nachrichten" bzw. "Wissensshows". Wenn die Grundverschlüsselung kommt soll der Zuschauer dann zahlen um Werbung und Verdummungs-TV zu schaun? Hallo?
Oder nehmen wir die Printmedien:
Lange Zeit haben sie zweifach verdient - durch das Geld für Werbeanzeigen und dann nochmals durch den Verkaufspreis.
Klar das sie ihre Pfründe sichern wollen, aber dann bitte auch mit Qualität.
Wir leben leider in einer Zeit die sehr oberflächlich geworden ist (auch, und vorallem, dank der privaten Fernsehsender sowie dem Hause Springer), und für halbgare Geschichten gebe ich nun mal nur im Kino Geld aus ;)
Liefert man echte Qualität bin ich gerne bereit zu zahlen.
Liefert man 08/15 Stoff kann man mich gern haben...

Wulff (16.12.2009, 23:50)

Mit der Qualität sprichst Du einen wichtigen Faktor an: unabhängig davon, dass Qualität zum Teil auch subjektiv wahrgenommen wird, hat man den Eindruck, von Fernsehen, Printmedien bis hin zu Musik und Kinoproduktionen würde Qualität zugunsten der Gewinnoptimierung geopfert werden - wenn egal welche Ware einem nicht gefällt, ist es als Verbraucher unser gutes Recht, sie nicht zu kaufen und dadurch den Unmut zu äussern. Insofern war eine Springer-Zeitung (das Hamburger Abendblatt kenn ich allerdings nicht) vielleicht ein falscher Einstieg.
Dass die Preisgestaltung an sich nicht passt, dass immer ausgerechnet diejenigen jammern, die eh schon genug haben, dass GEMA, GEZ und zunehmend auch VG Wort sich als "Anwälte der Kunstschaffenden" aufspielen, dabei aber durch fragwürdige Methoden und seltsame Ansichten auffallen - ja, das ist auch meine Wahrnehmung.
Dennoch - ich würde mich heutzutage nicht trauen, mit dem Internet und den potentiell weltweiten Kunden irgendwie Geld verdienen zu wollen. Warum manche Menschen für Klingeltöne Geld ausgeben, jedoch gecrackte Computerspiele für cool halten, will mir nicht einleuchten. Mag sein, dass ich falsch lieg, aber die Jagd nach dem billigsten Angebot - nicht nur, aber auch im Internet - lässt viele Menschen mit zweierlei Mass messen: man will möglichst nichts bezahlen und ärgert sich dann lautstark, warum man so wenig Gegenwert bekommt.

tigger (17.12.2009, 09:26)

das problem ist ja nicht nur das jede menge kostenlosee inhalte im internet verfuegbar sind, sondern das dieser zum teil auch durch schnelligkeit und gute recherche dem print in nichts nachsteht der uebertrifft. viele zeitungen drangen vor einiger zeit ins netz, es wurde gesagt das man raus ist wenn man nicht dabei ist. das fuehrte dazu das die zeitungen ihren inhalt selbst kostenlos ins netz stellten. niemand zwang sie dazu. leider wie immer bei "die geister die ich rief..." wurden sie die nicht mehr los und regen sich jetzt auf das niemand mehr die printausgaben kaufen will. auch wenn springer jetzt kommt, werden es noch genug kostenlose alternativen vorhanden sein. auch ich erachte es als wichtig, fuer gute inhalte auch geld zu zahlen. so sehe ich auch die abgabe fuer den oeffentlichen rundfunk nicht als schlimm an, nur der weg mit der GEZ ist ueberfluessig. wie wulff bin ich nicht bereit fuer das sinnfreie privat-tv zu zahlen. daher waeren bei einer verschluesselung diese sender fuer mich einfach weg. das was ich gucke, koennte man dann billiger bei videoload und itunes holen. aber auch mit dem derzeitigen wege ist es schwierig. klar ist es nicht schlecht, sich zu erst die iphone user ranzuholen. die sind durch app-store und allgemeiner apple politik eher bereit geld fuer inhalte zu liefern, aber uebertragen laesst sich das nicht. so haben wir ein problem- was auf dem iphone funktioniert, geht nicht ueberall. auch wenn sich jetzt alle grossen zeitungen zusammenschliessen wuerden, es wuerde immernoch tagesschau.de und andere moeglichkeiten geben kostenlos an nachrichten zu kommen. das macht die sache fuer die verlage schwierig. einen weg aus dieser miesere kann ich auch nicht bieten- bin aber gespannt wohin die reise geht. da ich grad etwas verwirrt bin belasse ich es mal dabei :)

daniel (17.12.2009, 21:09)