Panikmache

11. Jänner

Geschrieben am 11.1.2010 von Tigger, abgelegt unter Philosophisches

Der Hype um H1N1, die sogenannte Schweinegrippe, ebbt langsam ab. Die Regierungen diverser Länder stellen fest, dass sie auf grossen Mengen überzähliger Impfstoffe sitzen bleiben - ähnlich wie die Lagerhalle voller Atemschutz-Masken von der Jahre zuvor grassierenden Vogelgrippen-Angst zeugt. Natürlich gab es Todesopfer, doch gemessen an den Tausenden, die in Europa jedes Jahr an der "normalen Grippe" sterben, sehen die Daten recht harmlos aus. Vereinzelt werden bereits Vermutungen aufgestellt, dass die Schweinegrippe dadurch, dass sie die gewöhnliche Grippe dieses Jahr verdrängt hat, insgesamt für einen Rückgang der Sterbezahlen gesorgt hat. Pandemie-Alarm und monatelange Panik also, weil weniger Menschen als üblich an Grippe sterben. Verkehrte Welt.

Anderes Thema, gleiche Taktik: Der Wintersturm "Daisy", der dieses Wochenende über Europa zog, wurde von den Medien als Armageddon behandelt. Abgeschnittene Ortschaften, Schneeverwehungen, Stromausfälle und verspätete Züge - aufgeregte Reporter präsentierten in Liveschaltungen ein Phänomen, für welches es seit vielen Jahren ein einfaches Wort gibt: Winter. Natürlich kommt es nicht jeden Tag zu soviel Schnee, und Strassensperrungen sind in Deutschland ausgesprochen selten. Doch dass ein Katastrophenamt zu Hamstereinkäufen rät, als würde auf Monate hinaus die Lebensmittel- und Energieversorgung des Landes ausfallen, ist schlichtweg überzogen. Jeder normale Haushalt kann ein paar Tage von den angehäuften Vorräten leben - vielleicht gibt es keine frischen Semmeln, doch das muss man ja nicht gleich Katastrophe nennen.

Sind wir durch die Zivilisation zu verweichlicht? Das Autobahn-System erlaubt bequeme Ortswechsel von 1000km am Tag ohne Vorbereitung, Billigflieger karren uns für jede Spassveranstaltung quer durch Europa, flächendeckend kann man mit Kreditkarte zahlen oder an Bankomaten Geld abheben (ok, DAS ging für Deutsche dies Jahr schief), eine Reise kann man praktisch mit null Vorbereitung antreten. Elektrische Energie steht rund um die Uhr ausreichend zur Verfügung, Internet über WLan gibt es in jedem Hotelzimmer, Telefonzellen sind schon in Vergessenheit geraten, da das eigene Mobiltelefon praktisch überall funktioniert. Zumindest in unserem EU-Teil Europas kann man so gut wie zu jeder Jahreszeit sogut wie alles in praktisch jedem Supermarkt kaufen - wir denken kaum noch darüber nach, dass dafür aberwitzige Transportwege und gigantische Agrarsubventionen in Kauf genommen werden.

Vielleicht ist es aber auch nur Sehnsucht, dieser fast zu perfekten Welt zumindest in Gedanken auch einmal entfliehen zu können. Ein Katastrophenalarm hat auch etwas aufregendes an sich - zumindest in unseren Regionen, in denen weder Raketenbeschuss noch Selbstmordanschläge vorkommen, in denen echter Hunger fast unbekannt ist, Apotheken, Ärzte und Krankenhäuser nur einen Anruf entfernt sind, Bankenpleiten kein Privatvermögen in Luft auflösen und Anarchie nicht einmal im örtlichen Kaninchenzüchterverein vorstellbar ist. Da löst ein wenig Panik eben auch einen wohligen, abenteuerlichen Schauer auf.

Haben wir es alle gut!

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Kommentare:

Schöner Text! :)
I.d.R. werden solche Panikattacken ja dazu genutzt, eine bestimmte Politik zu protegieren. Bei der Schweinegrippe wollte man den Pharmaunternehmen den Gefallen tun, nicht auf dem teuren Impfstoff sitzen zu bleiben - das wurde sogar nachher öffentlich argumentiert. Bei Daisy bin ich mir nicht sicher. Hat ja weder was mit Kameras, Web-, Wohnungs- oder Körperdurchsuchungen (Igitt!) zu tun und Steuersenkungsplänen widerspricht das mediale Gebaren ebenfalls. Vielleicht war es ja eine keynesianische Maßnahme zur Stabilisierung der Konsumrate?! ;)
Wir werden es nie erfahren...

iKa (11.1.2010, 11:42)

na funktionieren medien halt, schlechte nachrichten sind gute nachrichten,nicht? ;) die impfungen waren aber übrigens auch viel zu viel, weil man davon ausgegangen ist, dass jeder zwei impfungen braucht. wundert mich aber auch, dass der hersteller das zurückgenommen hat. er hätte ja nicht gemusst.

kram (11.1.2010, 17:06)

ich gebe dir (fast) in allen punkten recht und es tut gut, sich unseres luxus immer mal wieder bewusst zu werden. doch in einer kleinigkeit muss ich dir widersprechen: anarchie ist vorstellbar!

herr axel (12.1.2010, 08:00)

@Axel: Mag sein, dass ich zu pessimistisch bin - wenn ich an Anarchie denk, bauen sich Bilder aus Afghanistan und Kosovo auf: lokale Warlords, die die Abwesenheit einer Ordnungsmacht ausnützen und die Bevölkerung terrorisieren & erpressen.
Im kleinen Maßstab einer Kommune könnte es vielleicht funktionieren, denn Geld ist ja nichts anderes als ein Hilfskonstrukt. Sobald aber das Thema Macht ins Spiel kommt, hat sich bisher *jede* Gemeinschaft von Menschen in Sklaventreiber und Unterwürfige verwandelt. IMHO ein Charakterzug des Menschen an sich, diese Herrschsüchtigkeit.

truetigger (12.1.2010, 08:51)

@tigger: du siehst es exakt richtig. macht ist genau der faktor, der eine anarchie, meiner ansicht sogar schon das friedliche sozialistische GLEICHgestellte leben aller menschen verhindert. und wo liegt beim faktor macht die wurzel allen übels? beim geld. richtig. sobald geld nicht mehr ein reines tauschmittel ist, sondern nur noch zum ansammeln und dem damit einhergehenden verzinsen verwendet wird, ist es eine große gefahr. hinter jedem fetten menschen stehen dutzende abgemagerte. somit hängt für mich geld und macht direkt mit unterdrückung zusammen. genau aus diesem grund KANN es im kapitalismus NIE eine gerechte welt geben.

herr axel (12.1.2010, 12:21)

Interessante Diskussion.
Macht mit Geld gleichzusetzen beschreibt nur den aktuellen Zustand - aber wenn Du aus der Rechnung Geld herausnimmst, manifestiert sich die Macht anderswo. Lässt sich ja auch ganz gut bei Diktaturen beobachten:
Macht ist der Einfluss, den man auf andere ausübt. In einer Gruppe von Menschen wird sich Arbeitsteilung herausbilden, denn sonst verhungern alle. Derjenige, der die Einteilung vornimmt, ist mächtig - sah man ja an der Kaderstruktur realsozialistischer Staaten. Da wird dann ein Gefallen gegen einen anderen getauscht, und Du hast auch ohne Geld ganz schnell Ausbeutungsstrukturen.
Selbst Menschen mit guten Absichten werden schnell von Macht korrumpiert. Siehe Orwells Animal Farm - und letztlich ist genau daran bisher jede sozialistische Umsetzung gescheitert. Leider.

tigger (12.1.2010, 12:42)

im prinzip gebe ich dir voll und ganz recht, tigger. wobei ich die rolle des geldes nicht unterschätzen würde. kennst du auch nur ein einziges land, ein einziges system, in dem die "einteiler" nicht auch die finanziell mächstigesten dieses landes/systemes sind? ich denke nicht, dass macht noch so erstebenswert wäre wenn sie nicht automatisch mit reichtum und dessen maximimierung einhergehen würde.

herr axel (12.1.2010, 14:17)

Hmja...

Ist natürlich schön einfach, hinterher vom warmen Sessel aus zu konstatieren, dass alles gar nicht so schlimm war. Andererseits gibt es Leute, die dafür bezahlt werden, Gefahren im Voraus zu erkennen, und die haben eben den Luxus nicht, ganz entspannt festzustellen, dass alles nicht so schlimm gewesen sein wird.
Denn wenn tatsächlich mal was schief geht, dann ist das Geschrei groß.
Ja, wir sind alle durch die Zivilisation verweichlicht. Wir sind Teil eines großen technikgestützten Systems, das uns alle am Leben erhält. Keiner von uns ist auf sich allein gestellt auch nur halbwegs lebensfähig.
Aber philosophiert nur weiter über Geld, Macht und nicht eingetretene Katastrophen. Kann uns ja nichts passieren, wir haben Strom, fließend Wasser, nebenan den Aldi und im Notfall das THW. Da ist natürlich gut lästern über diejenigen, die wissen, wie verwundbar das ganze System wirklich ist.

Lars Fischer (13.1.2010, 00:52)

@Lars: Nun mal ruhig mit den Pferden - ich werf ja dem Katastrophenschutz nicht vor, dass er sich ins Zeug legt. Klar ist ein Schneesturm nicht lustig, und wenn der Strom ausfällt sind wirklich viele Haushalte aufgeschmissen und froh um Hilfe vom THW.
ABER wer eben nicht in der Leitstelle arbeitet, sondern über die Medien mitbekommt, wie Daisy zu einem "WIR WERDEN ALLE STERBEN!!!"-Event hochgepuscht wurde, hat das Gefühl einer völlig überzogenen Sommerlochähnlichnen Sensationsgier.
Da berichten Reporter live von Schnee im Winter und treten zum Beweis ein paar Stapfen ins Weiss - im Harz auf ca 800m Höhe IM JÄNNER. Sie zeigen Leute, die mit einem Klaufix losrennen und Hamsterkäufe tätigen, als würd die Welt komplett untergehen. Und sie verwursteln das alles mit Klimawandel, Blizzards a la USA und ähnliches, damit es auch passend zu "The Day After Tomorrow" rüberkommt.
Meine Kritik richtet sich gegen die Berichterstattung, nicht gegen die Arbeit des Katastrophenschutzes. Obwohl auch dort geschlampt wurde, sonst wären Strassen auch gesperrt worden, BEVOR Autos einschneien - aber ok, da ist man hinterher wirklich schlauer.
Dass die Diskussion mit Axel etwas abgeglitten ist hat auch damit zu tun, dass ich selbst tatsächlich den Zusammenbruch unseres Gesellschaftssystems befürchte, wenn Rohstoffe knapp werden: Öl-Peak, Buntmetalle etc - denn DA fährt die Wirtschaftspolitik weltweit einen Kurs "Augen zu und durch", dabei ist Geld NICHTS, sobald das Vertrauen darin schwindet. Gut, diese Diskussion wurd etwas off-topic.

TrueTigger (13.1.2010, 07:55)