Panikmache
11. Jänner
Der Hype um H1N1, die sogenannte Schweinegrippe, ebbt langsam ab. Die Regierungen diverser Länder stellen fest, dass sie auf grossen Mengen überzähliger Impfstoffe sitzen bleiben - ähnlich wie die Lagerhalle voller Atemschutz-Masken von der Jahre zuvor grassierenden Vogelgrippen-Angst zeugt. Natürlich gab es Todesopfer, doch gemessen an den Tausenden, die in Europa jedes Jahr an der "normalen Grippe" sterben, sehen die Daten recht harmlos aus. Vereinzelt werden bereits Vermutungen aufgestellt, dass die Schweinegrippe dadurch, dass sie die gewöhnliche Grippe dieses Jahr verdrängt hat, insgesamt für einen Rückgang der Sterbezahlen gesorgt hat. Pandemie-Alarm und monatelange Panik also, weil weniger Menschen als üblich an Grippe sterben. Verkehrte Welt.
Anderes Thema, gleiche Taktik: Der Wintersturm "Daisy", der dieses Wochenende über Europa zog, wurde von den Medien als Armageddon behandelt. Abgeschnittene Ortschaften, Schneeverwehungen, Stromausfälle und verspätete Züge - aufgeregte Reporter präsentierten in Liveschaltungen ein Phänomen, für welches es seit vielen Jahren ein einfaches Wort gibt: Winter. Natürlich kommt es nicht jeden Tag zu soviel Schnee, und Strassensperrungen sind in Deutschland ausgesprochen selten. Doch dass ein Katastrophenamt zu Hamstereinkäufen rät, als würde auf Monate hinaus die Lebensmittel- und Energieversorgung des Landes ausfallen, ist schlichtweg überzogen. Jeder normale Haushalt kann ein paar Tage von den angehäuften Vorräten leben - vielleicht gibt es keine frischen Semmeln, doch das muss man ja nicht gleich Katastrophe nennen.
Sind wir durch die Zivilisation zu verweichlicht? Das Autobahn-System erlaubt bequeme Ortswechsel von 1000km am Tag ohne Vorbereitung, Billigflieger karren uns für jede Spassveranstaltung quer durch Europa, flächendeckend kann man mit Kreditkarte zahlen oder an Bankomaten Geld abheben (ok, DAS ging für Deutsche dies Jahr schief), eine Reise kann man praktisch mit null Vorbereitung antreten. Elektrische Energie steht rund um die Uhr ausreichend zur Verfügung, Internet über WLan gibt es in jedem Hotelzimmer, Telefonzellen sind schon in Vergessenheit geraten, da das eigene Mobiltelefon praktisch überall funktioniert. Zumindest in unserem EU-Teil Europas kann man so gut wie zu jeder Jahreszeit sogut wie alles in praktisch jedem Supermarkt kaufen - wir denken kaum noch darüber nach, dass dafür aberwitzige Transportwege und gigantische Agrarsubventionen in Kauf genommen werden.
Vielleicht ist es aber auch nur Sehnsucht, dieser fast zu perfekten Welt zumindest in Gedanken auch einmal entfliehen zu können. Ein Katastrophenalarm hat auch etwas aufregendes an sich - zumindest in unseren Regionen, in denen weder Raketenbeschuss noch Selbstmordanschläge vorkommen, in denen echter Hunger fast unbekannt ist, Apotheken, Ärzte und Krankenhäuser nur einen Anruf entfernt sind, Bankenpleiten kein Privatvermögen in Luft auflösen und Anarchie nicht einmal im örtlichen Kaninchenzüchterverein vorstellbar ist. Da löst ein wenig Panik eben auch einen wohligen, abenteuerlichen Schauer auf.
Haben wir es alle gut!
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Kommentare:
iKa (11.1.2010, 11:42)
kram (11.1.2010, 17:06)
herr axel (12.1.2010, 08:00)
truetigger (12.1.2010, 08:51)
herr axel (12.1.2010, 12:21)
tigger (12.1.2010, 12:42)
herr axel (12.1.2010, 14:17)
Hmja...
Lars Fischer (13.1.2010, 00:52)
TrueTigger (13.1.2010, 07:55)