9/11 reloaded
27. Jänner
Nach aktuellen Hochrechnungen gehen nine-eleven - im September 2011 - die IP-Adressen aus. Wenn bis dahin die seit mehr als 10 Jahren immer wieder angekündigte Umstellung auf IPv6 nicht gelungen ist, wird es eng im Netz. Gut 600 Tage klingt nach viel Zeit, doch sieht man sich die Entwicklung der letzten 15 Jahre an, steigt die Nervosität. Denn wie bei vielen anderen Problemen - ob Klimawandel oder Staatsverschuldung - drängt sich auch hier der Eindruck auf, man würde bis zum letzten Moment abwarten, ob es vielleicht doch nicht so schlimm werden würde.
Ein Rückblick: Anfang der 1990er öffnete sich das bis dahin überwiegend wissenschaftlich genutzte Internet der Allgemeinheit. Man konnte nun als Privatperson einen Internet-Zugang zu horrenden Kosten beantragen und über Email, Newsgroups und PublicFTP die Weiten des damals sehr viel kleineren Internet erkunden. Als ich 1994 das erste Mal mit dem Internet in Berührung kam, rollte hinter den Kulissen und von uns kleinen Studenten natürlich nicht für voll genommen die nächste Revolution an: das WWW machte das Netz bunter, einfacher und wesentlich voller, da jetzt nicht nur picklige Nerds, sondern der sprichwörtliche Jedermann dabei war. 1995 beschloss man, die Grundlagen des Internet, das Protokoll IPv4, durch einen leistungsfähigen Nachfolger zu ersetzen.
Inzwischen gibt es Smartphones, die permanent online sind. Allein österreichische AT-Domains gibt es knapp 870.000, die Zahl der deutschen DE-Domains lag zu Jahresbeginn 2010 schon bei 13,5 Millionen. Dazu kommen IP-basierte Telefondienste wie Skype, Online-Rollenspiele wie WoW mit Millionen Spielern, diverse Überwachungskameras, die Live-Bilder durchs Netz funken, Geldautomaten arbeiten genau wie der elektronische Krankenschein auf IP-Technologie basierend. Damit ist das Internet mehr als nur eine "Präsentationsplattform für Firmen" wie in den Anfangsjahren, es hat sich zu einer zentralen Infrastruktur entwickelt, deren Ausfall unseren Alltag ebenso hart treffen würde wie ein landesweites Versagen der Energieversorgung. Ende 2009 waren mehr als 300 Millionen Chinesen online - kein Wunder, dass die theoretisch maximal 4 Milliarden IP-Adressen WIRKLICH KNAPP werden. Und wo bleibt IPv6?
Durch meinen Job kenn ich mich halbwegs mit der Technik im Internet aus. Ich weiss, wieviel Technik bei einem Provider nötig ist, um Kunden über DSL einen Internet-Anschluss anbieten zu können: wieviele Geräte sind nötig, um die Daten wirklich ins Internet weiterzuschleusen, wieviele IP-Adressen werden für die Verwaltung benötigt, wieviel "Verschnitt" entsteht beim Aufteilen eines grossen Netzes in mehrere kleine... Und ich habe eine Vorstellung, an wieviel Stellen man etwas ändern müsste, um auf IPv6 wechseln zu können. Welche Geräte gehören neu konfiguriert, welche brauchen ein Firmware-Update, was muss gar neu gekauft werden? Wer testet dies, wer kennt sich gut genug aus, um im Notfall nach einer misslungenen Umstellung die Situation zu meistern? Welcher Techniker kennt IPv6 wirklich - abseits der Theorie, die man an der Uni aufschnappt und abseits angelesenen und nur halb verstandenen Wikipedia-Wissens?
Da sind 600 Tage nicht mehr viel Zeit.
<< #694 | 4 Kommentare | Kommentieren | #696 >>
Kommentare:
Ah geh...
tobi (28.1.2010, 09:14)
tigger (28.1.2010, 13:40)
daniel (28.1.2010, 16:49)
tigger (28.1.2010, 17:10)