Die Online-Revolution
29. Jänner
Vor etwa 10 Jahren trat Napster eine Revolution los, deren Auswirkungen bis heute nicht abzusehen sind: die Tauschbörse erlaubte es, im Internet ganze Musikalben kostenlos zu verteilen. Dabei erfand Napster weder das MP3-Format, welches Musikdaten auf unter 10% ihrer eigentlichen Grösse zusammenschrumpfen liess; noch verlegte Napster DSL-Anschlüsse, die mit mehrfacher ISDN-Geschwindigkeit den Austausch der immer noch grossen Dateien erst populär machten. Aber die Tauschbörsen rüttelten an den Fundamenten der vorher so überschaubaren Medienwelten.
"Raubkopien" kamen mit den ersten Homecomputern auf. Jeder C64-Besitzer hatte eine ganze Kiste voller Spiele - auf dem Schulhof, im Freundeskreis und teils gar auf Flohmärkten konnte man sich mit neuen Spielen eindecken, war doch der Computer selbst schon teuer genug für uns Jugendliche. Ähnlich locker ging man mit PC-Software um: Windows, Office-Programme, selbst exotische Programme wie AutoCAD fanden sich in den Diskettenboxen der stolzen Computerbesitzer. Obwohl die moralische Frage klar war - eine raubkopierte Software wird nicht gekauft, bedeutet also Umsatzeinbußen für die Hersteller -, hatte man dabei kein allzu schlechtes Gewissen. Immerhin hätte man sich ein Microsoft Word für mehrere hundert DM eh nicht gekauft, oder? Und wenn das Windows dem Computer schon beiliegt, wieso sollte ein Freund sich diese Disketten nicht ausborgen dürfen?
Mit den Tauschbörsen flutete das Raubkopier-Phänomen plötzlich andere Bereiche. Warum sollte man sich Musik nicht saugen dürfen, die eh "frei" im Radio gesendet wird? Das Mitschneiden aus dem Radio ist legal, und die Musikindustrie verdiente gerade zum Jahrtausendwechsel UNMENGEN Kohle. Nicht wenige gaben - durch "gesaugte" Musik neugierig geworden - sogar mehr Geld für CDs ihrer Lieblingskünstler aus. Kurz: sahen die meisten Menschen raubkopierte Software schon als Kavaliersdelikt an, gab es beim Saugen von Musik praktisch gar kein schlechtes Gewissen mehr. Und noch ehe die Musikindustrie eine Lösung gefunden hatte, griff die Krise auf weitere Branchen über: die schwedische Piratenbucht erlaubte Zugriff auf neue Filme, teils noch vor dem offiziellen Kinostart. Man fand TV-Serien und jede Menge Pornographie, selbst Bücher kursierten als PDF-Scans.
RTL geht nun mit ihrer Jammerei an die Öffentlichkeit. Gestern polterte Gerhard Zeiler, Geschäftsführer der RTL Group, gegen die Provider: "Darüber hinaus ist aus Sicht der Sendeunternehmen ein Anspruch der Rechteinhaber gegenüber den Internet Service Providern als Zugangsvermittlern (Access Provider) zu normieren..." (siehe Hintergrundpapier Piraterie (PDF)) - er fordert hier die Möglichkeit, den Provider für Urheberrechtsverletzungen seiner Kunden in Regress nehmen zu können. Heute legte Tobias Schmid, Bereichsleiter Medienpolitik bei RTL, nach, indem er über neue Fernseher mit Internet-Anschluss herzieht: "Wenn ich neben einer werbefreien RTL-Nachrichtensendung eine Applikation mit Werbung starten kann, entgeht uns Geld." Für diese Konstruktion brauche es eine politische Lösung, da entsprechende Fälle "momentan zwischen Urheber- und Wettbewerbsrecht durchrutschen".
Die Forderungen von RTL mögen in ihrer Weltfremdheit belustigend klingen, offenbaren jedoch die nächste Stufe des längst nicht abgeschlossenen Medienumbruchs: Wozu sollte man sich vor den TV setzen und dort passiv seine Zeit vergeuden, wenn Nachrichten im Internet schneller und Serien per DVD bequemer zu sehen sind? Denn je mehr die Menschen das Internet nutzen, umso weniger sitzen sie vor dem TV. Die Privatsender kämpfen also an zwei Fronten: ihre selbstproduzierten "raubkopierte" Inhalte werden im Internet verbreitet, ohne dass sie daran verdienen - und neue Medien bringen immer mehr Menschen weg vom TV und schmälern damit die Reichweite ihrer Werbung und so die Einnahmen.
Manche gehen davon aus, dass in 10 Jahren schon die meisten Tageszeitungen verschwunden sein werden. Musik wird sich weiter über Datenträger verkaufen - ob aber die Musikindustrie in ihrer heutigen Form mit GEMA, Platten-Knebelverträgen und Charts als Maßstab überleben wird ist fraglich. Nischensender, die nur im Internet auftreten, werden Kabelsender zusehends verdrängen. Und die deutsch-österreichische Privatfernseh-Landschaft könnte sich ebenfalls im großen Stil ändern. Unter Umständen ist die Zeit für werbefinanziertes Privatfernsehen irgendwann einfach abgelaufen - so wie jetzt schon für Telefonzellen und vor 50 Jahren für Atlantik-Dampfer.
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