Gekaufte Steuerdaten - Der Staat als Hehler

1. Feber

Geschrieben am 1.2.2010 von Tigger, abgelegt unter Politik

Demokratie bedeutet nicht, dass jede einzelne Entscheidung von jedem einzelnen Bürger persönlich abzunicken ist - und ein Rechtsstaat wird durch einzelne Fehlentscheidungen nicht gleich zum Unrechtsstaat. So sind die Umtriebe der Geheimdienste seit vielen Jahren Bestandteil des demokratischen Westens, vom sagenumwobenen israelischen Mossad über die CIA und James Bonds MI6 bis hin zum eher selten in Erscheinung tretenden österreichischem Heeresnachrichtenamt nicht verwunderlich, ahnt man doch, dass dort Gesetze nicht unbedingt buchstabengetreu interpretiert würden. Dennoch - vielleicht gerade deshalb - hat sich das Modell des demokratischen Rechtsstaats bisher bewährt, ich würde ihn nicht gegen irgendeine andere Staatsform eintauschen wollen.

Doch immer wieder sieht man die Demontage unserer moralischen Grundsätze durch die Politik. Ob es die nur schlecht als Kindesschutz verkleidete Initiative zur Kontrolle des Internet ist, ob man jahrelang einen Krieg am Hindukusch auf keinen Fall "Krieg" nennt, ob mögliche Interessenkonflikte zwischen Wirtschaft und Politik gar nicht erst wahrgenommen werden, oder ob man ganz offiziell als Hehler in Erscheinung tritt, um Kriminelle Datendiebe dafür zu bezahlen, dass diese Daten von Steuersündern aus Banken entwenden - all diese Aktionen demontieren stückweise das Vertrauen in die Politik als Ganzes. Dabei sollte der hohe Nichtwähleranteil jedem Politiker zu denken geben: immer mehr Menschen fühlen sich generell von keiner politischen Kraft halbwegs vertreten.

Vielleicht fehlt uns in Österreich und Deutschland dazu der Patriotismus, vielleicht sind generell Menschen von Natur aus nicht so gut, wie wir uns das gern selbst einreden. Moral sollte mehr sein als der Zwang, sich an Gesetze halten zu müssen: Moral sollte ein fixer Wertemaßstab sein, der gut und falsch auch dann abwägt, wenn keine strafrechtlichen Konsequenzen drohen. Der Ankauf von Steuerdaten setzt Zeichen: Steuersünder sollen beginnen, sich auch in Ländern ausserhalb der EU-Bankgesetze zu fürchten. Aber ein weiteres Zeichen geht an alle Bürger: "Eure Grundrechte werden geachtet, es sei denn wir ermitteln gegen Dich." Und nicht zuletzt geht auch ein Zeichen an die sonst so arg bekämpfte Organisierte Kriminalität: Diebstahl lohnt sich viel mehr, wenn selbst ein finanziell üppig ausgestatteter Staat bei der heissen Ware mitbietet.

Sicher, es ist falsch, Steuersünder zu schonen. Doch kommen wir ihnen nicht mit Mitteln des Rechtsstaates bei, sollte uns unser moralischer Kompass davon abhalten, Mittel ausserhalb unserer Grundsätze zu suchen. Denn nach dem Einreissen einer moralischen Grenze erodieren diese Grundsätze zusehends, bis die nächste Gewissensentscheidung ansteht. Und ehe wir uns versehen, ist die Idee eines Rechtsstaates nur noch in den Geschichtsbüchern zu finden.

Überhaupt - Steuersünder betrügen den Staat finanziell, aber dabei geht es nur um Geld. Wenn schon bei solchen Vergehen unsere Überzeugungen nicht mehr gelten, wie sieht es dann bei ernsthaften Vorwürfen aus, bei Mord oder Vergewaltigung, bei Totschlag oder Körperverletzung mit lebenslangen Folgen für die Opfer? Sollten dann nicht konsequent auch alle Verdächtigen gleich erschossen werden, ehe sie von einem Gericht am Ende noch freigesprochen werden? Ist ein wenig Folter dann nicht durchaus angemessen? Wäre es nicht eine Option, die Opfer der Lynchjustiz zu überlassen?

Das Traurige daran ist, dass einen diese Entscheidung nicht überrascht. Ob Regierung oder Opposition, man traut JEDER aktuellen Partei - nein, jedem Politiker! - im Moment solch ein Gebaren zu, da stehen Merkel, Gabriel und Schäuble nicht allein in meiner Kritik.

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Kommentare:

Sicher gibt es auch Menschen, die anderer Meinung sind als ich. Ich persönlich habe kein Mitleid mit Steuerbetrügern, aber ich sehe gefährliche Grenzübertretungen.
Das Signal des Staates lautet in meinen Augen: "Wir dürfen rechtlich die Beweise nicht sammeln. Aber wenn sie illegal beschafft werden, bezahlen wir dafür" - de facto ein Aufruf an private "Ermittler", unter Beugung geltenden Rechts die Drecksarbeit zu übernehmen. Denn belohnt werden sie ja.
Auch wenn die FR dies anders sieht, für mich definitiv ein falscher Schritt. Wobei der Präzedenzfall der Liechtensteiner Steuersünder-Daten (Zumwinkel) ja der eigentliche Dammbruch war.
Morgen werden aus Mautstationen und IT-Unternehmen die Daten illegal besorgt, an die Ermittler sonst nicht herankommen, indem man einfach dubiose Mittelsmänner bezahlt. Und übermorgen ist das Beschnüffeln durch Privatpersonen Realität. Davor graut mir.

tigger (2.2.2010, 12:11)

Ich muss gestehen das ich in dieser Sache sehr zwiegespalten bin. Einerseits sehe ich es analog zu Deiner Auffassung, andererseits, wenn eh schon in vielen Bereichen "offiziell" mit Informanten, Undercover-Ermittlern etc. gearbeitet wird, warum nicht auch in diesem Fall?
Wie gesagt, ich habe keine Präferenz für einen Standpunkt in diesem Falle...

Wulff (2.2.2010, 13:08)

auch ich bin zwiegespalten, was diese sache angeht. ich tendiere aber doch zum kauf der daten, da der zweck die mittel heiligt. die größte gefahr in der alternative, diesen informanten ohne bezahlung "hochgehen" zu lassen sehe ich darin, dass dann kein einziger undercover oder v-mann mehr mit dem staat zusammenarbeiten würde, da er wüsste, dass er vermutlich "verkauft" wird. ich denke, es verhält sich ein wenig wie die kronzeugenregelung, die sicher moralisch auch nicht einwandfrei ist, aber einfach den präzedenzfall darstellt.
btw: ich würde den demokratischen rechtsstaat sehr gerne gegen eine andere staatsform eintauschen. die direkte demokratie und/oder der rärerat wären in meinen augen um welten sinnvoller, weil gerechter.

herr axel (3.2.2010, 08:12)

@Axel: Danke für die andere Sichtweise - sind einige Punkte drin.
An ein "Hochnehmen" des Anbieters der mutmaßlich illegal beschafften Daten hatte ich gar nicht gedacht. Dies ist aber ein Fall der schweizer Polizei, soweit ich das seh (Datendiebstahl in einem Land ausserhalb der EU, wird vermutlich auch dort ein Gesetz gegen Einbruch in Computernetzwerke geben). Da sehe ich die deutsche Regierung nicht in irgendeiner Art involviert.
Mich stört einfach das BEZAHLEN dieses Menschen eben nach dem Prinzip "das Recht heiligt die Mittel", da solch ein Satz auch die Grundidee vom Lager in Guantanamo war ("anders kommen wir Terroristen nicht bei") - ich wünsch mir einfach eine Denkweise im Staat, die nicht versucht, Gesetze und deren Lücken immer maximal möglich zur eigenen Vorteilsnahme auszunutzen, sondern sich fix an Grundsätzen orientiert - eben "keine Zusammenarbeit mit Terroristen" und "kein Geld für Hehler".

tigger (3.2.2010, 09:23)

ein schwieriger fall. einerseits begibt sich der staat damit in eine moralische zwickmühle und berührt eigene gesetze (beweismittelverwertungsverbot bei illegaler beschaffung), andererseits berührt es eine der heiligsten und wichtigsten aufgaben des staates. die möglichkeit steuern einzutreiben. es ist nicht ok sich abzuwenden und seinen anteil an sicherstellung des gemeinwohls (=steuern) ausser landes zu schaffen um ihn dem staat zu entziehen. es berührt auch das gerechtigkeitsempfinden vieler menschen, in dem punkt "die da oben lässt man laufen, aber ich kann nicht mal mehr meine pendlerpauschale abschreiben". daher ist der staat von dieser seite in der pflicht zu intervenieren. dies haben auch mehrfach von der politik (zumindest hier doch sehr) unabhängige gerichte bestätigt. auch sehe ich es als moralisch verwerflich von der schweiz, mit wissen um die steuermilliarden aus deutschland, dieses geld ohne fragen anzunehmen. klar lebt es sich so schön damit, aber es ist genauso falsch diese CD zu kaufen wie das geld angenommen zu haben. ich will damit den kauf nicht verteidigen, da ich selbst nicht wüsste was zu tun wäre. einzig das zu schnelle intervenieren der kanzlerin überrascht dabei. ich bin mir aber sicher, der gesamtdebatte um steuern, klamme haushalte und gerechtigkeit ist der kauf eher förderlich. klar könnte man stattdessen das steuerrecht reformieren und dafür sorgen das niemand mehr sein geld nach "draussen" bringen muss, solche schwarzen schafe wirds aber immer geben und selbst wenn die änderungen da wären, niemand würde sein geld nachträglich wieder zurückholen. die leute hatten genug zeit sich selbst zu stellen und straffrei zu bleiben. dann müssen sie mit den konsequenzen leben. daher würde ich auch leuten wie ihm nicht zustimmen: http://www.stern.de/politik/ausland/debatte-um-steuersuender-cd-die-gier-diktiert-das-recht-1540382.html#utm_source=sternde-homepage&utm_medium=buehne&utm_campaign=link-tracking-buehne

daniel (3.2.2010, 09:54)

passt zwar nicht ganz zum thema, ist aber trotzdem in der lage mich zu einem leichten hochziehen des mundwinkels zu verleiten... http://www.heise.de/tp/r4/artikel/32/32021/1.html

daniel (4.2.2010, 01:35)