Zeitreisen mit LibriVox
4. Feber
Kapitän Nemo auf dem Nautilus
LibriVox - ich berichtete ja schon einmal darüber - ist ein Projekt, um Hörbücher für die Public Domain bereitzustellen. Dass sie dazu auf freiwillige Helfer zurückgreifen, die Bücher kostenlos in Mikrofone sprechen, ist klar. Doch die Tücken des Copyrights lauern nicht nur bei den Audio-Aufnahmen: Ein literarisches Werk ist bis 70 Jahre nach Ableben des Autors geschützt - man darf ein selbst gekauftes Buch zwar laut lesen, darf solche Audioaufnahmen aber nicht ohne Zustimmung des Rechteinhabers verbreiten. Bei ausländischen Schriftstellern ist noch das Copyright der Übersetzung zu beachten - auch die Übersetzung muss alt genug sein, um nicht noch mit problematischen Rechtsansprüchen behaftet zu sein. Kein Wunder, dass ein Stöbern auf LibriVox einen in längst vergessene Zeiten abtauchen lässt.
Jules Verne, einer der Urväter des Science-Fiction-Genres, lebte im 19. Jahrhundert. Sein Roman 20.000 Meilen unter dem Meer ist vor 140 Jahren erschienen. Einige Gedanken lesen sich recht modern, so treibt Elektrizität das legendäre Unterseeboot Nautilus an, so gibt es Luftschleusen und Scheinwerfer. Andere Schilderungen wie Pferdedroschken in New York, segelnde Handelsschiffe und die Einteilung der Welt in Zivilisation und "Wilde" wiederum lassen die Zeit spüren, die seitdem vergangen ist.
Doch die eigentliche Faszination der Zeitreise sind die Nebensächlichkeiten. So heisst das Unterseeboot der Nautilus, so werden munter moderne und antiquierte Längenangaben durcheinander geworfen: neben nautischen Meilen und Kilometern gibt es Fuss, Klafter, Kabellängen und englische Meilen. Die Protagonisten reden sich mit "Mein Herr" an, die Navigation erfolgt über Beobachtung der Sterne... Wirft man einen Blick auf den verwendeten Text, sticht die für heutige Verhältnisse eigenartige Schreibweise ins Auge: Theil 1, Capitel, Classe, Säugethiere - zwischen der ersten Ausgabe dieser Übersetzung und heute liegen immerhin 135 Jahre, in denen sich die deutsche Sprache weiterentwickelt hat.
Sicher: Vergleicht man die Werke mit kommerziellen Produkten wie z.B. Rufus Becks Harry-Potter, fällt der Unterschied deutlich auf. Statt eines Profi-Sprechers und eines im Tonstudio perfekt abgemischten einheitlichen Werkes sind die Amateuraufnahmen nicht nur verrauschter, sondern auch wesentlich holpriger und eintöniger vorgetragen. Grössere Werke werden oft von mehreren Lesern angegangen, so dass man sich am Kapitelwechsel auf eine gänzlich andere Stimme einstellen muss. Und dennoch übt diese Welt, in welche mich LibriVox immer wieder entführt, eine eigenartige Anziehungskraft aus.
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