Faszination Fussball
27. Juni
Phil liefen die Tränen übers Gesicht, als gestern der Schlusspfiff ertönte. 120 Minuten lang hatte er die USA-Fahne geschwenkt, ist beim 1:1 Ausgleichstreffer wie bei jedem anderen Tor seiner Mannschaft in den Spielen zuvor eine Ehrenrunde in der Public-Viewing-Area gelaufen, hatte jede Offensive lautstark begleitet, jede gelungene Abwehr mit seinem "Timmy Howard!"-Gesang gefeiert, hatte keinen Blick für die hübschen Studentinnen, die sich mit und neben ihm und seiner wilden Fan-Bemalung fotografieren liessen. Gegen Ghana war dann Schluss.
England-Fans muss es heute ähnlich gehen. Im Vorfeld hatten die Engländer, die im Gegensatz zu den Amerikanern Weltklasse-Spieler in ihren Reihen haben, nicht gerade überzeugt, doch heute zeigten sie eine recht gute Leistung. Nach dem schnellen 2:0 Vorsprung der Deutschen gaben sie sich nicht geschlagen, sondern schossen in kurzer Folge aufs Tor, holten den verdienten Anschlusstreffer und holten gar das 2:2, welches aber aufgrund einer Schiedsrichter-Fehlentscheidung nicht anerkannt wurde. Teils waren die Deutschen sehr, sehr unsicher. Aber am Ende hat es eben nicht gereicht.
Für mich war die WM gestern abend vorbei. Mit den Amerikanern beim Public Viewing gemeinsam dem Underdog zujubeln hatte schon etwas: Die Hymne singen, auf die Schiris schimpfen, bei Toren aufspringen - Fussball ist auch beim Zuschauen ein Mannschaftssport. Die Uhr läuft langsam, wenn man einen Vorsprung retten möchte, und sie rast, wenn man in der Verlängerung einem 2:1 hinterherspielt. Ein Ausgleich in der 91. Minute macht ein mäßiges Spiel vergessen, ein nicht anerkanntes Tor sorgt für Wutausbrüche. Die anderen Spiele mögen technisch besser sein, mögen auch spannender sein - aber mit der eigenen Mannschaft fiebert man ganz anders mit.
Zu Fussball gehören Emotionen. Gestern nacht zogen nicht nur hier in Graz die Afrikaner glücklich um die Häuser, heute ist ganz Deutschland im Ausnahmezustand. Südamerika wird in wenigen Stunden gebannt vor dem Fernseher sitzen, gilt ein argentinischer Sieg heut doch ebenso wie ein brasilianischer morgen als ausgemachte Sache. Was nüchtern betrachtet wie ein relativ langweiliges Laufspiel um einen Ball mit meist wenigen Toren ausschaut, reisst einen recht schnell mit, ist eben doch mehr als die Summe der einzelnen Teile.
Was Phil nun tun wird? Vielleicht schaut er sich wie ich die restlichen Spiele im TV an, vielleicht scheut er auch nicht die inzwischen bei jedem Spiel randvolle Public-Viewing-Area, um zu sehen, welche Gegner in vier Jahren auf die United States warten, vielleicht feiert er mit anderen mit.
Egal wem ihr zujubelt - viel Spass noch bei der WM!
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Kommentare:
Lorelei (27.6.2010, 20:18)
Luise (27.6.2010, 23:15)