Videobeweis im Fussball?

28. Juni

Geschrieben am 28.6.2010 von Tigger, abgelegt unter Philosophisches

Die WM in Südafrika ist voll von Fehlentscheidungen. Die gelb-rote Karte für Klose im Spiel Deutschland gegen Serbien, die zwei nicht anerkannten Tore der USA in den Vorrundenspielen (beides keine Abseitstreffer), diverse Schwalben, Rempler, Trikot-Zupfer und natürlich am gestrigen Tag die beiden krassen, vielleicht sogar spielentscheidenen Schiedsrichter-Fehler: das klare 2:2 der Engländer gegen die Deutschen wird nicht anerkannt, das 1:0 für Argentinien dafür schon, obwohl die Abseitsposition unstrittig ist.

Ist es nicht längst Zeit für einen Video-Beweis? In anderen Sportarten gibt es sie seit langem, die Auszeiten, in denen die Netto-Spielzeit angehalten und in aller Ruhe eine Entscheidung mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gefunden wird. Keine Frage würde dies den Fussball gerechter machen. Denn wie auch immer auf die Schiris geschimpft wird, sie sind auch nur Menschen, die wie wir alle vor Fehlern nicht gefeit sind.

Doch ein Videobeweis würde die Spontanität zerstören. Fussball war schon immer mehr als simples Punktesammeln, Fussball sind Emotionen: Man hat Angstgegner, man fiebert mit, wünscht einem besseren Gegner heimlich alles Pech der Welt, versucht durch Jubeln die eigene Mannschaft anzufeuern. Da gehören Tage dazu, an denen gegen den Spielverlauf eine Mannschaft bei der einzigen Torchance trifft, während die andere 89 Minuten vergeblich gegen das Tor anläuft. Was-wäre-wenn-Szenarien bringen einen nicht weiter, am Ende werden nach dem Schlusspfiff einfach die Tore gezählt.

Ob ein Abwehrspieler patzt, ein Torwart wie Green unglücklich den schon gefangenen Ball entschlüpfen lässt, ein Schiedsrichter einen Elfmeter zu leichtfertig gibt oder ihn verweigert, der Linienrichter ein Abseits übersieht oder der Stürmer nur den Pfosten trifft - mal hat man Glück, mal hat man Pech. Fussball ist ein Mannschaftssport, bei dem die Gesamtleistung aller über die ganze Zeit abgerechnet wird. Gut 20min reichen manchmal, an anderen Tagen sind traumhafte 85min zu wenig.

So fair der Gedanke an einen Videobeweis auch klingt, es steht zu befürchten, dass damit die Autorität des Unparteiischen untergraben wird, Spieler irgendwann um jede gelbe Karte feilschen und am Ende das Spiel darunter leidet. Nein, ich bin gegen Hightech. Die Entscheidung hat am Rasen und nicht an einem runden Tisch zu fallen. Letztlich ist der Gedanken, dem Schiri die Schuld geben zu können, oft auch der letzte Trost, wenn die eigene Mannschaft untergegangen ist. "Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht!"

Schade um England und Mexiko, die diesmal wirklich Pech hatten - aber eine Mannschaft, die sich von einem einzigen egal wie katastrophalen Fehler total aus dem Konzept bringen lässt hat in einem WM-Viertelfinale schlicht nichts verloren.

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Kommentare:

Also ich bin ja auch nicht für einen Videobeweiß, aber könnte man nicht einfach noch einen weiteren Schiedsrichter direkt hinter jedes Tor stellen? Bei dem könnte man dann davon ausgehen, dass der jedes Tor richtig mitbekommt und den Rest macht halt der normale Schiedsrichter weiter. Es würde fairer werden und trotzdem die Spontanität nicht verloren gehen. :) (Und jetzt sagt nicht, das gibt es schon! -.-)

Luise (28.6.2010, 17:08)

Guter Hinweis, Lui - die FIFA erwägt tatsächlich den Einsatz von sogenannten Tor-Wächtern als Unterstützung. Nur wird dies vermutlich nicht das gleiche sein wie das oft klare Mittel "Videobeweis".
Zu Anfang sind es die falsch entschiedenen Tore. Aber bald werden auch Elfmeter-Situationen andisktutiert, dann gelb-rote Karten, dann gelbe Karten, am Ende Fouls. Ich bin trotz all der vielen Fehler nach wie vor dafür, hier die Fehlerquelle Schiri zu behalten.

tigger (28.6.2010, 17:17)

Ich find Technik immer geil. Aber hier bin ich konservativ wie ein oberbayrischer Bauer. Zum Chip im Ball sag ich nur: Fans verstehen manchmal viel von Technik und können Störsender bauen. Was dann? :)
Und die bessere Mannschaft kann auch durch eine Fehlentscheidung nicht verlieren. Wie gestern bei Mexiko. Die hätten davor Tore schiessen können und danach. Haben sie aber nicht- daher verdient verloren. So auch heute der Tenor in den englischen Zeitungen auch richtig: Miese Leistung beim Team. Denn auch wenn ein Tor die Motivation senkt, um Weltmeister zu werden muss man auch einen Rückstand aufholen können oder einen Rückschlag verkraften. Daher, Mexiko und England verdient verloren. Basta.

daniel (28.6.2010, 22:57)