Wulff vs. Gauck
4. Juni
Eigentlich wollte ich am Mittwoch ein paar Zeilen über Zensursula schreiben, wollte meine "Zensursula for president"-Meinung erklären, die sich mit der allgemeinen Verachtung beisst, die sie im Internet erfährt. Doch dann wurde meine Faulheit von der Realität überholt: seit gestern stehen die beiden Hauptakteure fest - Niedersachsens König Wulff gegen Stasi-Jäger Gauck. Und ich muss zugeben, dass beide wirklich gut gewählt sind. Es verspricht ein spannender Kampf zu werden!
Gauck, der von 1989 bis 2000 der Behörde vorstand, die fleissig die Staatssicherheit-Vergangenheit diverser wichtiger Personen aufdeckte, wird wohl von der Linken nur begrenzt Sympathien einsammeln können. Bei der restlichen Bevölkerung ist er jedoch ein geschätzter und als unabhängig wahrgenommener Mensch, dem man mehr als nur Winken zutraut. Eine Besetzung mit ihm würde das Amt des Bundespräsidenten deutlich aufwerten, und es würde ein angenehmes Zeichen setzen, dass neben Lena und der Nationalmannschaft nicht nur Berufspolitiker das Bild Deutschlands prägen. Mit ihm als ausgewiesenen Bürgerrechtler könnte sogar ein Umdenken stattfinden, weg vom Sicherheits-Fanatismus der letzten Jahre hin zu mehr Toleranz, Freiheit und stärkeren Bürgerrechten.
Auf der anderen Seite steht Wulff, der mit knapp 50 Jahren fast schon ein Generationswechsel darstellen würde. Er wirkt sehr viel frischer und energiegeladener als viele seiner Vorgänger. Mit ihm würden Kinder in Bellevue einziehen - als PR-Profi wird es ihm leichtfallen, sie in das Gesamtbild eines vertrauenswürdigen, kinderfreundlichen und optimistischen Deutschlands einzuflechten. Auch wenn er im Gegensatz zu Gauck die Politik durch und durch kennt, ein bequemer Abnick-Präsident für alle Vorhaben der schwarz-gelben Regierung wird er sicher nicht.
Die Wahl am 30. Juni verspricht trotz des eigentlich eindeutigen Stimmenverhältnisses spannend zu werden. Und das Angenehme: Egal wie sie ausgeht, es wird ein annehmbarer Präsident dabei herauskommen, der einerseits der Regierung auf die Finger schauen, auf der anderen Seite nicht rein populistisch Oppositionsarbeit versuchen wird. Auch wenn meine Präferenz bei Gauck liegen: von allen Unions-Vorschlägen der letzten Tage ist Wulff die mit Abstand beste Option. Schade nur, dass der Präsident nicht direkt wie in Österreich vom Volk gewählt wird, dann wär das Rennen komplett offen...
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