Atomstrom ja bitte?
9. August
Kernkraft sei billig, Kernkraft sei sauber, und deutsche Kerntechnologie sei ein Exportschlager - die aktuelle deutsche Regierung wird nicht müde, die Vorteile von Atomstrom anzupreisen, als wären sie selbst Vertreter der Atomlobby. Formulierungen wie "im Schnitt um 14 Jahre länger" lassen befürchten, dass manche Anlagen wesentlich mehr als 14 Jahre länger in Betrieb bleiben. Damit würde das "Laufzeitverlängerung" genannte Konzept, welches bereits als Schlagwort im CDU/CSU/FDP-Koalitionsvertrag des vergangenen Herbstes festgehalten war, praktisch das Ende des Atomausstiegs bedeuten.
Nicht alle Argumente der Kernkraft-Befürworter lassen sich von der Hand weisen: Bei simpler Umstellung der Stromerzeugung von Kernkraft auf traditionelle Kohleverfeuerung würden die CO2-Emissionen spürbar steigen. Erneuerbare Energien aus Wind und Sonne sind wetterabhängig und können damit nicht zur Grundlast-Absicherung eingesetzt werden. Die deutschen Sicherheitsstandards im Kernkraft-Bereich gelten als sehr hoch, ein gewisses Restrisiko besteht auch bei anderen Kraftwerkstypen.
Doch das Hauptproblem ist seit 60 Jahren weltweit ungelöst: wohin mit den strahlenden Abfällen? Wenig überraschend sträuben sich die beiden deutschen Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg, die mit 9 Kernkraftwerken mehr als die Hälfte aller deutschen Meiler stellen, gegen ein Endlager auf ihrem Gebiet. Atommüll für Jahrtausende verbuddeln klingt hilflos, ist aber nach wie vor die einzige realistische "Entsorgungsmethode". Dabei zeigt das Chaos in Asse II nicht nur das Versagen der Aufsichtsbehörden, sondern auch die Ohnmacht gegenüber einer so langen Zeitspanne: Fässer verrosten, geologische Formationen ändern sich, Wasser dringt wider Erwarten in die Endlager ein...
Billig ist der Strom aus Kernkraftwerken auch nur auf dem ersten Blick. So sind KKW nicht gegen Störfälle wie in Tschernobyl abgesichert - wenn also etwas gröberes passiert, trägt die Allgemeinheit die Kosten. Der Uranpreis mag aktuell niedrig sein, nicht zuletzt dank des vielen Waffenmaterials aus dem kalten Krieg - Uranvorkommen gibt es aber nur sehr begrenzt auf der Erde. Last but not least wird auch die Endlagerung (die ja noch ein ungelöstes Problem darstellt) schlichtweg derzeit nicht mitgerechnet, auch hier warten im Zweifelsfall auf die Steuerzahler versteckte Milliardenkosten.
Als neueste Idee will nun die Regierung mit einer Brennelemente-Steuer an den längeren Laufzeiten mitverdienen. Dies wird den eh schon geringen Preisvorteil gegenüber anderen Energieträgern gänzlich verschwinden lassen, zum zweiten spielen dann plötzlich neben Lobbyismus auch handfeste finanzielle Interessen eine Rolle bei der Atomaufsicht - die Verlockung, einen Meiler trotz Bedenken weiterlaufen zu lassen wird damit eher grösser. Zum dritten wird das Geld nicht in die Förderung alternativer Energien geleitet (im Gegenteil, die Bundesförderung für Solarstrom wird deutlich gekürzt), so dass auch die Mär von der "Brückentechnologie Kernkraft" unglaubwürdig wird.
Die Politik sollte Rahmenbedingungen setzen, mit mutigen Entscheidungen den Weg in die Zukunft weisen. Die Zukunft MUSS vom Öl wegkommen, die Zukunft kann sich den aktuellen CO2-Ausstoss nicht weiter leisten, die Zukunft muss Antworten auf die dramatisch wachsende Weltbevölkerung geben. Nebenbei sollte die Zukunft auch die momentane, schier unfassbare Energieverschwendung allerorten eindämmen. All das schafft man nicht mit einem "Festhalten am Status Quo und dabei ein paar Euro sparen, wenn kein Unfall passiert".
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